Zukunftsstarter-Programm : Büffeln nach der Schicht

Vollzeitjob statt Gelegenheitsarbeit: Bei Firmenchef Kay Marckwardt erhielt Sabrina Horn eine neue Chance.
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Vollzeitjob statt Gelegenheitsarbeit: Bei Firmenchef Kay Marckwardt erhielt Sabrina Horn eine neue Chance.

Nach abgebrochener Lehre und neuem Berufsabschluss in den Job: Die 30-jährige Sabrina Horn aus Drenkow hat es geschafft – mit dem Zukunftsstarter-Programm

prignitzer.de von
12. Januar 2018, 11:45 Uhr

Das war der Tiefpunkt: Alleinerziehend, ohne Job und ohne Ausbildung – „nur 400-Euro-Jobs oder nach der Elternzeit bei Gelegenheitsjobs Mädchen für alles sein, das reichte nicht mehr“, blickt Sabrina Horn zurück. „Wie sollte ich da meiner Tochter etwas bieten können?“ Jahre später stellt sich für Sabrina Horn die Frage nicht mehr – Zuversicht statt Resignation.

Neustart auf dem Arbeitsmarkt: Eigentlich wollte die junge Frau aus Drenkow im Landkreis Ludwigslust-Parchim Köchin werden. Doch mit der Schwangerschaft blieb für die Lehre keine Zeit mehr. „An Feiertagen und am Wochenende arbeiten – allein mit einem Kleinkind geht das nicht“, erklärt sie: „Welche Kita hat schon nach 18 Uhr geöffnet?“ Und doch hat Sabrina Horn Jahre später ihre Berufsausbildung durchgezogen – nicht als Köchin, sondern als Fachkraft für Lagerlogistik, nicht wie üblich in drei, sondern in zwei Jahren. „Für meine Tochter“, meint sie: „Ich will meinem Kind ja schließlich Vorbild sein und ihm schließlich auch etwas bieten können.“

Das kann sie jetzt: Sabrina Horn ist eine von jenen Frauen und Männern in MV, die sich nicht damit abfinden wollen, ohne Ausbildung auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Lehrberuf statt Gelegenheitsjobs: Die 30-Jährige hat in den vergangenen Jahren mit Hilfe der Arbeitsverwaltung und der Wirtschaft ihre Berufsausbildung nachgeholt – mit dem Förderprogramm Zukunftsstarter, mit dem in den vergangenen Jahren insgesamt 4300 junge Menschen im Alter zwischen 25 und 35 Jahren in Mecklenburg-Vorpommern in Arbeit gekommen sind.

Es hat sich gelohnt. Zwei Jahre lang hat sie noch einmal Fachbücher gewälzt, Vokabeln gelernt, Prüfungen abgelegt, beim Lehrgang in der Berufsschule, nach der Arbeit im Betrieb – Umschulung in der Klokow Industrietechnik GmbH in Parchim. Es gab eine Zeit, da wollte sie alles hinschmeißen. Mathe und Deutsch lernen, dazu Englisch und auch noch Sport, dazu die Fachkurse, beispielsweise für Ladungssicherheit, in der Berufsschule in Schwerin – „und das mit einem kleinen Schulkind zu Hause, da kam ich an Grenzen“, erzählt Sabrina Horn: „Da muss man sich manchmal schon zwingen, das Lehrbuch in die Hand zu nehmen“ – vornehmlich erst am Abend, wenn die Arbeit im Haushalt erledigt und die Tochter im Bett war. Büffeln nach der Schicht.

Inzwischen hat Sabrina Horn die Gelegenheitsarbeit längst mit einem Vollzeitjob getauscht – nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung mit Hilfe des Zukunftsstarter-Programms. Das gibt Sicherheit: Derzeit sei jeder zehnte Arbeitslose zwischen 25 und 35 Jahren und ohne Berufsabschluss. Die Entwicklung zeige, dass Ungelernte ein fünfmal höheres Risiko hätten, arbeitslos zu werden als Beschäftigte mit Berufsabschluss, erklärt Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Landesarbeitsagentur Nord. Der Gefahr hat Sabrina Horn vorgebeugt. Seit fünfeinhalb Monaten hat sie einen Arbeitsvertrag – als Fachkraft für Lagerlogistik. Ihr Ausbildungsbetrieb habe sie übernommen, erzählt die junge Frau – und hat sie kräftig unterstützt. Während der Ausbildung gab es vom Chef 100 Euro extra zum Geld vom Jobcenter dazu – „als Anreiz“, meint Horn. Und auch für die Prüfungsvorbereitungen habe ihre die Firma einen gesonderten Kurs bezahlt: „Das ist nicht selbstverständlich.“

Für Firmenchef Kay Marckwardt schon: Alle hätten eine Chance verdient, meint der 47-Jährige. Wer sich dafür entscheide, die Berufsausbildung nachzuholen, „der weiß, was er will“, der sei motiviert und leistungsbereit. Marckwardt hat gute Erfahrungen gemacht: 30 Mitarbeiter zähle sein Familienunternehmen. Mehrere Umschüler habe er eingestellt – an allen drei Standorten des Familienbetriebes in Parchim, Schwerin und Lübeck – und in der Regel allen anschließend einen Arbeitsvertrag angeboten. „Fertige Arbeitskräfte wachsen nicht am Baum“, begründet Marckwardt sein Engagement: Als Unternehmer habe man „eine soziale Verantwortung“, wirbt der in Parchim geborene Firmenchef für mehr Einsatz seiner Unternehmerkollegen: „Für die richtigen Mitarbeiter muss man schon selbst auch investieren.“

Chefs wie Kay Marckwardt machen sich in der Wirtschaft in MV allerdings noch rar: In Zeiten wachsenden Fachkräftemangels müssten die Unternehmen auch selbst Geld in die Hand nehmen, um neue Fachkräfte zu finden oder auszubilden, fordert die Chefin der Landesarbeitsagentur, Margit Haupt-Koopmann: „Da geht noch jede Menge mehr.“ Auf der Suche nach neuen Fachkräften biete die Berufsausbildung von Arbeitslosen gerade auch jenen Unternehmen Chancen, die Lehrstellen aus Mangel an Bewerbern nicht besetzen konnten. „Anrufen, und die Fachkraft ist da – so geht das nicht mehr“, meint Haupt-Koopmann.

Unternehmer, Arbeitssuchende, Arbeitsverwaltung – auf der Suche nach Fachpersonal würden alle Verantwortung tragen. Auch Arbeitslose müssten sich mehr zutrauen.

Sabrina Horn hat es getan: Verbinder für den Handwerksmeister von nebenan, Balkenschuhe für die Zimmerei oder Schrauben für Monteure – in ihrem Bereich macht ihr mittlerweile keiner mehr so schnell etwas vor. Nägel, Dübel, Gewindestangen, Winkel, für Profis der umliegenden Unternehmen, für Privatkunden oder auch internationale Kunden im Onlinegeschäft in Russland, der Schweiz oder Spanien. Sie ist Herrin über 12 000 verschiedene Teile – im großen Lager der Klokow Industrietechnik GmbH in Parchim.

Das lohnt: Mit der elfjährigen Tochter ins Spaßbad nach Wismar oder kürzlich ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt – das hätte die Haushaltskasse vorher nur schwer hergegeben. Und so war es für Sabrina Horn der „richtige Schritt“, die Lehre nachzuholen. Für sie steht fest: „Ich würde es jederzeit noch einmal machen.“

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