Aquarienverein Schwerin : Allzeit auf gleicher Wellenlänge

Die „Skalare“ Hans-Peter Müller und Rudolf Roggow sind fasziniert von allem was schwimmt, kreucht und fleucht.
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Die „Skalare“ Hans-Peter Müller und Rudolf Roggow sind fasziniert von allem was schwimmt, kreucht und fleucht.

Der Aquarien- und Terrarienverein „Skalar“ tummelt sich seit 110 Jahren in Schwerin.

prignitzer.de von
08. Dezember 2017, 00:00 Uhr

Rudolf Roggow erging es in seiner Kindheit wie allen Gleichaltrigen. Als er das erste Mal vor einem bunten Aquarium stand, wuchsen ihm Glubschaugen. Normalerweise verschwindet dieses Symptom mit der Zeit. Doch bei vielen Zweibeinern bleibt es. So auch bei dem jungen Rudolf. Die Leidenschaft für dieses schöne Hobby hatte ihn gepackt – und ist bis heute ungebrochen. Täglich halluziniert er sich zuhause in bequemer Haltung in die Tiefen der Unterwasserwelt. Ein Schauspiel, das sich in unzähligen Wohn- und Kinderzimmern wiederholt. Denn Aquaristiker gibt es wie Sand am Meer, Terrarienhalter ebenso.

Und doch befindet sich in der Welt der Aquarien- und Terrarienfreunde nicht mehr alles im Gleichgewicht. Einfließen sollen an dieser Stelle nicht all die widrigen Umstände von Massenzuchtanlagen in Südostasien und dergleichen. Nein, es geht um das einst so bunte Vereinsleben der Zierfischliebhaber. Diesem geselligen Treiben wurde in den vergangenen Jahren nämlich das Wasser abgegraben. In Zeiten, in denen sich Wissen und Ratschläge leicht aus dem Internet keschern lassen, verbringen Aquarienbesitzer die Zeit mit ihrem Hobby lieber allein.

Rudolf Roggow hingegen möchte um nichts in der Welt seinen Schweriner Aquarien- und Terrarienverein „Skalar“ missen. Hans-Peter Müller geht es ebenso. Ein halbes Leben haben sie ihrem „Skalar“ gewidmet. Beide teilen sich den Vorsitz eines Vereins, der wohl der älteste in Mecklenburg-Vorpommern ist, wie sie mutmaßen. Im Herbst 1907, also vor 110 Jahren, hoben ihn einige Herren im Hotel „Niederländischer Hof“ am Schweriner Pfaffenteich aus der Taufe. In einer deutschlandweit erscheinenden Wochenschrift für Aquarien- und Terrarien-kunde schalteten sie damals stolz folgende Anzeige: „Endlich ist es gelungen, auch in Mecklenburg einen Verein, der die Pflege unserer schönen Liebhaberei auf seine Fahne geschrieben hat, zu gründen. Zum Vorsitzenden wurde Herr Präparandenlehrer Tiede, als 1. Schriftführer Herr Ober-Post-Assesor Richter, zum II. Schriftführer Herr Kaufmann Dammann und als Kassenführer Herr Reichstelegrafen-Lagerverwalter Keltz, sämtlich hier, gewählt... Allen Brudervereinen entbietet der neue Verein seinen Gruß und ein kräftiges „Gut Lurch“!“

Mehr Informationen unter www.vatskalar-schwerin.de

Die Vereinsmitglieder, überwiegend Lehrer, Künstler, Beamte und Handwerker, nahmen ihre Aufgabe sehr ernst. Zielstrebig legten sie eine Handbibliothek an, die bis zum Jahr 1932 auf 200 Bände anwuchs. Die Gründung des Vereins „Skalar“ fiel in eine Zeit, in der es europaweit in Mode kam, sich einen rechteckigen Glaskasten in die Stube zu holen. Es war der große Popularisierer der Naturwissenschaften Philip Henry Gosse, der dem Becken 1854 den griffigen Namen Aquarium gab. In Deutschland löste der Naturforscher Emil Adolf Roßmäßler eine Lawine aus, unter anderem mit seinem Werk „Das Süßwasseraquarium“, das er 1857 veröffentlichte. Roßmäßler empfahl darin die Haltung von Goldfisch, Elritze und Schlammpeitzger.

Überall in Deutschland gründeten sich nun Vereine. Deren Mitglieder begnügten sich nicht mit dem Züchten von farbenfrohen Flossen. „Die Skalar-Gründungsväter in Schwerin waren wissenschaftlich sehr interessiert“, weiß Hans-Peter Müller zu berichten. „Es dürstete sie nach Exkursionen zu den Tümpeln und Seen der Umgebung. Im Jahre 1908 begannen sie akribisch, die Wasserpflanzen der hiesigen Gewässer zu erfassen.“

Bestens besucht waren die öffentlichen Vorträge, in denen es um „Das Plankton und seine Bedeutung für das Aquarium“ ging, das „Ansetzen eines kompletten Aquariums“, „Wasserpflanzen, hiesige neunstachelige Stichlinge“. Allein 150 Besucher verfolgten den Vortrag „Die Kleinlebewelt der Süßgewässer“ – vorgestellt an Beispielen aus Schweriner See, Burgsee und Pfaffenteich“.

Originell war die Werbung, die die „Skalare“ sich im Jahr 1908 ausdachten. Im Schaufenster einer Firma stellten sie Aquarien auf. In den darauffolgenden Tagen umlagerten so viele Menschen die Fenster, dass ein Herankommen kaum möglich war.

Die Freude an der Aquaristik ließ auch in den darauffolgenden Jahren nicht nach. Technische Weiterentwicklungen, neue Materialien wie der Silikonkleber sorgten in der DDR für einen sprudelnden Aufschwung. Rudolf Roggow und Hans-Peter Müller erinnern sich gern an die 1970er und 1980er Jahre. Zierfischbörsen und Ausstellungen, die sie mit ihrem Verein veranstalteten, lockten bis zu 10 000 Besucher an.

Die „Skalare“ begeisterten sich nun für alles, was im und am Wasser lebt. Es gab Fachgruppen für Welsfreunde, Wasserschildkröten und tropische Meerestiere. Rudolf Roggow begann mit der Haltung und Zucht von Eier legenden Zahnkarpfen. Parallel dazu nahm er Madagassische Taggeckos ins Visier. In den eigenen vier Wänden wurden Zierfische gezüchtet, was das Zeug hält – war die Bude auch noch so klein. „In unserer lütten Neubauwohnung standen überall Aquarien herum“, erinnert sich Rudolf Roggow. „Selbst im Flur. Meine Frau fühlte sich wie in einer Zoohandlung. Ausreichend frischesWasser zweigten wir aus dem Spülkasten der Toilette ab. Das kostete damals ja nichts. Gefährlich wurde es nur, wenn die Technik versagte. Eines Nachts klingelte es bei uns Sturm, weil das Wasser übergelaufen war und es bereits beim Nachbarn durchtropfte.“

An freien Tagen machten sich Rudolf Roggow und Hans-Peter Müller auf zu den Tümpeln der Umgebung. Dort kescherten sie nach Herzenslust Frischkost für ihre Aquarienbewohner. Allerdings mussten sie stets einen Ausweis mit sich führen. Um den Ansturm der Hobby-Zierfischzüchter auf die Gewässer unter Kontrolle zu kriegen, führte die DDR die „Fangberechtigung für Zooplankton“ ein. An solche und viele weitere Geschichten erinnern sich die „Skalare“ Rudolf Roggow und Hans-Peter Müller allzu gern. Die würden sie mit Freude Nachwuchs-„Skalaren“ erzählen. Doch wie überall in den Aquaristikvereinen fehlen auch in Schwerin die jungen Glubschaugen.

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