Landesgrundgesetz : Ankunft in einer neuen Zeit

Am 18. Januar 1919 druckte die Mecklenburgische Zeitung den Wahlaufruf, einen Tag später ging es an die Urne.
Am 18. Januar 1919 druckte die Mecklenburgische Zeitung den Wahlaufruf, einen Tag später ging es an die Urne.

Von der Abdankung des Großherzogs bis hin zum Landesgrundgesetz in Mecklenburg-Schwerin

prignitzer.de von
08. Dezember 2018, 00:00 Uhr

November 1918: Die Welt ist aus den Fugen – auch im sonst so beschaulichen Mecklenburg. In der Hauptstadt Schwerin, bis vor wenigen Tagen noch Residenzstadt, wird mecklenburgische Geschichte geschrieben. Großherzog Friedrich Franz IV. hat am 14. November auf seinen Thron verzichtet. Und während die „Mecklenburgische Zeitung“ einen wehmütigen Nachruf auf den Landesfürsten veröffentlicht und den Text der Abdankung druckt, erscheint der Aufruf „An das mecklenburgische Volk“ der gerade vor fünf Tagen aufgestellten neuen Volksregierung, die jetzt fordert, dass des Volkes Wille oberstes Gesetz sei.

Die Revolution in Mecklenburg: Arbeiter aus Sachsen, dem Rheinland, Matrosen aus Kiel zogen durch die Straßen, während die braven Mecklenburger meist vorsichtig hinter den Gardinen lugten. Der erste Aufruf des Schweriner Arbeiter- und Soldatenrates: „Stört nicht durch unbesonnenes Verhalten den geregelten Dienstbetrieb und die Aufrechterhaltung der Volkswirtschaft.“ Die aus Mitgliedern des Arbeiter- und Soldatenrates und Parteien gebildete Landesregierung Mecklenburg-Schwerins ist bestrebt, einen parlamentarischen Übergang vom Ständestaat zur bürgerlich-demokratischen Staatsordnung durchzuführen. Auch wenn es Widerstand von Seiten der USPD gibt, kommt es in den letzten beiden Monaten des Jahres 1918 zu keiner revolutionären Stimmung. Der am 14. November gegründete Zentrale Arbeiter- und Soldatenrat beschließt nach 14 Tagen die Zusammenarbeit mit der neuen Regierung. Die Errichtung der Diktatur des Proletariats wird ad acta gelegt.

Friedrich Franz IV. übte nach dem Freitod des letzten Großherzogs die Rolle des Verwesers aus, verweigert einen Zusammenschluss mit Mecklenburg-Schwerin und bildet eine eigene neue Regierung. In den nächsten Wochen heißt die Devise: „Aufbruch in die neue Zeit!“ Mecklenburg-Schwerins Ministerpräsident Wendorff und seine Regierung verstaatlichen die Landesklöster, die Kassen der Stände. Die Stände, bisher Träger der Landespolitik, wurden bereits am 13. November als Körperschaften aufgelöst. Mehr als 500 Jahre Herrschaft sind beendet. Auch Mecklenburg-Strelitz erklärt die Stände für aufgelöst. Die großherzoglichen Wappen fallen an den öffentlichen Gebäuden. Bürgerräte, Volksräte, Bauernräte, Angestelltenräte, Beamtenräte – jeder organisiert sich, fordert mehr Lohn, gleiche Bezahlung, freie Wahlen, Frauenwahlrecht. Der Widerstand von rechts und links wächst. Im Dezember gründet sich der Deutsche Offiziersbund in Schwerin. Am 28. Dezember 1918 finden in Mecklenburg-Schwerin Kommunalwahlen statt. Neben den großen Parteien treten auch der Dorfbund, die Handwerker- Partei und die USPD an.

In der Nacht zum 6. Januar 1919 fallen Schüsse am Arsenal. Dr. Barbasch, Justizminister der neuen Regierung, Mitglied der USPD, hat Spartakisten aus Berlin gerufen. Ihnen gelingt es, das Arsenal und das Regierungsgebäude zu besetzen. Der Minister Dethloff und andere Persönlichkeiten werden festgenommen.

Doch der Versuch, das Schloss zu besetzen, misslingt. Der Putsch wird niedergeschlagen. Ein Matrose kommt ums Leben. Für den Justizminister bedeutet das das politische Ende.

Am 19. Januar finden die Wahlen zur verfassungsgebenden National-Versammlung statt. Am 18. Januar wirbt die Deutsch-Nationale Volkspartei auf einer ganzen Seite der „Mecklenburgischen Zeitung“ für ihren Kandidaten von Graefe. Ganz unten ist noch etwas Platz für Kohlenanzünder- und Pianowerbung. Auch die DDP füllt eine Anzeigenseite – gute Wochen für die mecklenburgische Presse. Die Schweriner können einen Tag später ihre Stimmen in 21 Wahllokalen abgeben. Dr. Wendorff (DDP) erringt 11 181 Stimmen, gefolgt von dem Sozialdemokraten Starosson und dem Deutschnationalen von Graefe.

Nur eine Woche später finden die ersten Landtagswahlen statt. Dr. Hugo Wendorff wird in seinem Ministerpräsidentenamt bestätigt. Der verfassungsgebende Landtag tritt im Juni 1919 zusammen und verabschiedet die Landesverfassung. Der Freistaat Mecklenburg-Schwerin ist politisch in der Gegenwart angekommen.

Noch ein kurzer Exkurs nach Mecklenburg-Strelitz: Das Machtvakuum nach dem Verzicht des Schweriner Großherzogs auf den Strelitzer Thron wurde hier sofort genutzt. Bereits am 11. November 1918 bildete sich eine Regierung unter Vorsitz von Dr. Peter Stubmann (DDP). Um die Eigenstaatlichkeit zu betonen, fanden bereits am 15. Dezember 1918 die Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung statt, die am 29. Januar 1919 in dritter Lesung die Verfassung, das neue „Landesgrundgesetz“, annahm.

Der kleinere mecklenburgische Landesteil hatte die besseren Karten als die Schweriner bei seinem Start in den modernen Parlamentarismus. Durch eine rigide Sparpolitik und Börsenspekulationen des Großherzogs Friedrich Wilhelm war das Staatssäckel gut gefüllt. Erst 1934, unter den Nationalsozialisten, wurden beide Mecklenburg zwangsvereint.


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