Historie in MV : Auf Geldjagd am Neujahrsmorgen

Nachtwächter gehörten zu den Berufsgruppen, die Anfang des 19. Jahrhunderts Neujahrsgaben einsammeln durften.
Nachtwächter gehörten zu den Berufsgruppen, die Anfang des 19. Jahrhunderts Neujahrsgaben einsammeln durften.

Im alten Mecklenburg passierten zum Jahreswechsel allerhand Merkwürdigkeiten

prignitzer.de von
31. Dezember 2017, 09:00 Uhr

Im Dezember 1788 erschien in der „Monatsschrift von und für Meklenburg“ ein Beitrag über das „Neujahr-Gratuliren“ in der Landeshauptstadt. Eine ehrwürdige Handlung, sollte man meinen, ging es doch darum, „Wohltätern, Freunden und Nebenmenschen“ herzliche Wünsche zu entrichten. Aber, so heißt es weiter, „dies ist nicht der Fall bey uns in Schwerin so wie vielleicht in den mehresten Städten. Kaum hat man an dem ersten Morgen des Jahres sich mit dem höchsten Wesen in heiliger Andacht unterhalten, so wird man schon von einem Heere Gratulanten – deren Absicht es ist Geld zu erhalten – bestürmt.“

Deshalb wurde in der „Monatsschrift“ darum gebeten, dass Herzog Friedrich Franz diesem Treiben durch einen Erlass Einhalt gebieten möge. Fast genau ein Jahr später, im November 1789, war die Antwort deutlich in der Zeitschrift publiziert: unter der Schlagzeile „Abstellung des Neujahr-Gratulirens in Schwerin, als Bettelei betrachtet.“ Die Belästigungen hatten tatsächlich Formen angenommen, die ausuferten. Es gab weit mehr als ein Dutzend Gewerbe und Gruppen, die auf diese Art ihr Einkommen verbessern wollten, teilweise auch mussten. Dazu gehörten „Chor-Schüler, Stadtmusikanten, Hautboisten, Tambours, Postilliones, Feuerböther, Briefträger, Zeitungs-Träger, Leichen-Gesellschafts-Boten, Profoß und Schornsteinfeger“.

Mit solcher Bettelei in großem Umfang war jetzt also Schluss, allerdings blieb für Angehörige bestimmter Gruppierungen das Einsammeln von kleinen Geldbeträgen erlaubt, besonders für alle, die mit Gesang und Musik zu tun hatten und die für ihr Wirken kein Salär erhielten. Bei Nichteinhaltung der neuen Vorschriften wurde mit der Armen-Ordnungsstrafe gedroht.

Fast jede Stadt hatte vor allem zu Neujahr ihre eigenen Verordnungen. In Wismar ist für 1821 bekannt, dass folgende Nutznießer die Neujahrsgaben einsammeln durften: Wasserverkäufer, Stadttambour, Röhrenleger, Nachtwächter, Kohlenmesser, Stadtsoldaten sowie Gassenreiniger.

Eine andere Prozedur gab es in Rostock, die bis Ende des 19. Jahrhunderts bestand und oftmals heftiger Kritik ausgesetzt war: „Das Neujahrs-Gehen der Rostocker Prediger“. Angeprangert wurde dieses Thema bereits 1794, wie die „Neue Monatsschrift von und für Meklenburg“ berichtet. So war es üblich, dass die jeweils jüngsten Prediger der Kirchen mit den Küstern eine Rundum-Visite in ihrer Gemeinde machten. Dafür erhielten sie von den besuchten Familien Geldgeschenke, die einen beträchtlichen Teil des Gehaltes ausmachten und so vor allem von Nahrungssorgen befreiten.

Ursprünglich war einmal vorgesehen, dass die Prediger auf diese Weise mit den Gemeindegliedern bekannt wurden und vor allem auf die Erziehung der Jugend rechtzeitig Einfluss nehmen sollten. Das rückte aber in den Hintergrund, und gern nahmen die Kirchenleute auch ein paar Würste, einen Braten oder andere Lebensmittel an. Das alles wurde aber von vielen als anstößig und ehrentwürdigend empfunden und stattdessen empfohlen, die Gemeinde möge insgesamt für eine entsprechende Besoldung aufkommen, um damit den Berufsstand mehr zu achten. Das allerdings geschah in der wohlhabenden Hansestadt erst hundert Jahre später.

Damit nicht genug. Was ansonsten in der Silvesternacht geschah, hat Karl Bartsch (1832-1888) in seiner zweibändigen Sammlung „Sagen, Märchen und Gebräuche“ zusammengetragen und fast ein halbes Hundert seltsamer Gepflogenheiten für Silvester/Neujahr aufgeschrieben – aus den unterschiedlichsten Dörfern und Städten des Landes. Vor allem ging es darum, dass die Obstbäume gut tragen, die Früchte auf den Feldern gedeihen, Menschen und Tiere gesund bleiben, dass Feuer oder Unwetter und vor allem keine bösen Geister Schäden anrichten können. Es gab allerlei Orakel und Abwehrzauber.

So wurde beispielsweise der Trog mit Salz, Rauch oder glühenden Kohlen rein gehalten, damit das Vieh gedeihe. Die Hühner bekamen am „Olljohrsabend“ Erbsen als Futter, die zuvor gezählt wurden. Die Anzahl der gefressenen Erbsen gab Auskunft über die zu erwartenden Eier im nächsten Jahr.

Schließlich gab es noch den „Hundertjährigen, mit seinen Wetterprognosen. „Wind in der Silvesternacht wenig Hoffnung aufs neue Jahr macht“, „Weihnachten im Klee, Ostern im Schnee“, „Ist Weihnachten gelind, im Januar die Kälte beginnt“ oder „Wenn an Neujahr die Sonne lacht, gibt’s viel Fische in Fluss und Bach“.
 

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