Universität Rostock : Bücher als „Geschenk des OB“

Lisa Krebes (l.) und Dr. Antje Strahl gehören zu den Wissenschaftlerinnen, die nach der genauen Herkunft der Bücher geforscht haben.
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Lisa Krebes (l.) und Dr. Antje Strahl gehören zu den Wissenschaftlerinnen, die nach der genauen Herkunft der Bücher geforscht haben.

Forschungsprojekt zu NS-Raubgut an der Universitätsbibliothek Rostock beendet.

prignitzer.de von
08. Dezember 2017, 00:00 Uhr

„Geschenk des OB“ steht für 220 Bücher unter dem 27. und 28. August 1942 im Zugangsbuch der Rostocker Uni-Bibliothek. Viele hatten zuvor Besitzern aus Süddeutschland gehört, die anhand der Namen als Juden erkennbar waren. Die Bücher selbst waren meist unspektakulär; viel Belletristik, ein paar Fachbücher. Wie und warum kamen die Bücher in die Rostocker Universitätsbibliothek? Im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Restitution von NS-Raubgut sind die Historikerin Dr. Antje Strahl und die Bibliothekswissenschaftlerin Lisa Krebes der Frage nachgegangen.

„Neun der Bücher gehörten einer Familie Malzer aus Königshofen in Bayern, das war anhand des Namens im Buch ersichtlich“, erzählt Antje Strahl vom Ausgangspunkt ihrer Recherchen. „Über Meldekarten im dortigen Stadtarchiv war herauszufinden, dass die Familie vor 1939 nach England und kurz darauf in die USA emigriert ist. Ich habe auch Unterlagen gefunden, dass die Malzers nach Kriegsende von Amerika aus Nachforschungen angestellt haben, weil ihr Hausrat nicht in Übersee angekommen war. Sie hatten ihn per Schiffscontainer auf die Reise geschickt.“

Im nächsten Schritt recherchierte Antje Strahl in den Wiedergutmachungsakten im Staatsarchiv Ludwigsburg. Hier wurde ersichtlich, dass jüdisches Eigentum in der NS-Zeit generell nicht nachgeschickt, sondern eingelagert worden war; im Falle der Rostocker Bücher bis 1942. Zusammen mit Möbeln, Lampen, Geschirr und Bettzeug waren sie in Deutschland im Auswanderungshafen Bremerhaven zurückbehalten worden. 1942 ging laut Gerichtsakten alles nach Rostock, um dort ausgebombte Familien mit dem Nötigsten zu versorgen.

Tatsächlich fand Antje Strahl in einer Rostocker Tageszeitung jener Wochen zwei Anzeigen, die sich ausdrücklich an Ausgebombte wandten und auf eine öffentliche Auktion von Hausrat aufmerksam machten. „Die Bücher blieben wahrscheinlich einfach übrig, weil die Menschen dafür keine Verwendung hatten“, mutmaßt sie. Alles, was nicht versteigert werden konnte, verblieb bei der Wohlfahrtspflege, die der Stadt unterstellt war und die Bücher an die Universität weitergab. In deren Zugangsbüchern wurden sie zum „Geschenk des OB“.

„Für die Bücher der Familie Malzer konnten wir Erben ausmachen, denen wir ihr Eigentum 2016 in einer feierlichen Restitution in der Aula der Universität zurückgegeben haben“, berichtet Antje Strahl. Ähnlich verhielt es sich im Fall Hedwig Hesse aus Berlin. Ihr gehörte laut Exlibris einst „Das Skelett im Hause“, eine kleine Schauergeschichte aus dem 19. Jahrhundert, die sich in der Fachbibliothek der Germanistik fand. Durch im Internet veröffentlichte Forschungsergebnisse anderer Bibliotheken erfuhr Antje Strahl, dass eine Berliner Bibliothek bereits Bücher an eine Nachfahrin von Frau Hesse restituiert hatte. So konnte der Kontakt zur Urenkelin schnell hergestellt werden, die viel über die Familiengeschichte wusste: Hedwig Hesse und ihr Mann waren Juden, wollten ihre Heimat aber nicht verlassen. „Der Mann hatte im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft, war ausgezeichnet worden und glaubte nicht, dass seiner Familie etwas passieren würde“, erzählt Antje Strahl. „1942 wurden er und Hedwig Hesse jedoch deportiert und kamen um.“ Ihre Kinder waren bereits in den 1930ern nach Amerika und Südafrika gegangen, eine Urenkelin lebt nun wieder in Deutschland. „Sie wusste, dass Hedwig in der ganzen Familie für ihre Liebe zu Krimis bekannt war und nahm das ,Skelett im Hause‘ gern in Empfang“, erinnert sich die junge Wissenschaftlerin.

Insgesamt wurden während des Projektzeitraums von 2014 bis 2017 rund 8000 Verdachtsfälle aus der Rostocker Zentral- und mehreren Fachbibliotheken auf NS-Raubgut untersucht, darunter die 220 mit dem Vermerk „Geschenk des OB“. In den meisten der 8000 Bücher gab es keine Namenseinträge früherer Besitzer, ohne die eine Nachforschung unmöglich ist, oder die Recherchen verliefen im Sande. Bei 267 Büchern konnte der Verdacht auf NS-Raubgut sicher ausgeräumt werden. 116 mal schließlich bestätigte sich der Verdacht: Die eigentlichen Eigentümer dieser Bücher waren z. B. verfolgte Juden, Sozialdemokraten und Kommunisten, die emigrieren konnten oder inhaftiert und deportiert wurden, die ihren Besitz verloren oder weit unter Wert verkaufen mussten.

In vielen Fällen konnte Antje Strahl Nachfahren ermitteln und den Kontakt herstellen, 13 mal waren die Erben an einer Restitution interessiert, sodass schließlich Bücherpakete in die USA, nach England, Brasilien und Österreich auf die Reise gingen. Alle bedankten sich ausdrücklich – nicht, weil sie wertvolles Eigentum erhalten haben, sondern weil man das Schicksal ihrer Vorfahren nicht einfach ad acta gelegt hatte.

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