Repatriierungslager Goldberg : Der lange Weg nach Hause

Dieses 1941 entstandene Bild zeigt die Ankunft sowjetischer Kriegsgefangener aus Stalag II in Teterow.
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Dieses 1941 entstandene Bild zeigt die Ankunft sowjetischer Kriegsgefangener aus Stalag II in Teterow.

Im Repatriierungslager Goldberg wurde über das Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener nach der Rückkehr in die Heimat entschieden

prignitzer.de von
11. November 2017, 00:00 Uhr

Für Kriegsgefangene aus der Sowjetunion waren so genannte Repatriierungslager oft der einzige Weg zurück in die Heimat. Hier durchliefen sie eine politische Filtration, bei der das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten in der Sowjetunion (NKWD) die Heimkehrer kontrollierte. Diese staatliche Überprüfung sollte dafür sorgen, Vaterlandsverräter, Spione und Deserteure zu identifizieren – bei den sowjetischen Behörden standen viele Kriegsgefangene genauso wie Zwangsarbeiter unter Generalverdacht einer Zusammenarbeit mit den Deutschen. Der Traum von der Rückkehr in die Heimat wurde deshalb oft zum Albtraum – und zu einer Fortsetzung der Lagerzeit in einem stalinistischen Gulag.

Bis zum Herbst 1945 gab es auf dem Territorium der sowjetischen Besatzungszone 53 dieser Lager, davon 14 im heutigen Mecklenburg-Vorpommern. Diese befanden sich in Ribnitz, Barth, Rostock, Sternberg, Bützow, Laage, Krakow am See, Goldberg, Malchin, Wittstock, Neustrelitz, Teterow, Wesenberg und Fürstenberg. Das Lager Goldberg – die Ziegelei Hellberg des Klosters Dobbertin – ist unter der Nr. 217 in der Liste der Repatriierungslager für Bürger der UdSSR in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands vom 2. Oktober 1945 zu finden, die im Staatsarchiv der Russischen Föderation aufbewahrt wird.

Spuren vor Ort zu finden ist allerdings schwierig: Nichts weist heute auf die Desinfektionsanlage hin, die sich hinter der Dobbertiner Kirche in Höhe der heutigen Dampferanlegestelle befand. Auch Spuren der Holzbaracken in Goldberg, auf dem Gelände der heutigen Kaserne, sind längst verschwunden. Der in Dobbertin lebende Zeitzeuge Kurt Müller, Sohn des damaligen Klosteramtsbäckermeisters Ernst Müller, kannte noch die Standorte der Desinfektionsanlage und der offenen Latrinen im Park. Doch woher kamen die Menschen und wohin wurden sie gebracht?

Ein Bericht des Kölner Flüchtlingspfarrers Carl Köhler vom 10. September 1945 aus Dobbertin an den Oberkirchenrat in Schwerin ließ aufhorchen. Pfarrer Köhler hatte zwar als ehemaliges NSDAP-Mitglied Kanzelverbot, doch die vielen verstorbenen deutschen Kriegsflüchtlinge konnte er in Dobbertin ordnungsgemäß, aber ohne Talar bestatten. Interessant in seinem Bericht ist die bis heute einzige vorliegende schriftliche Mitteilung, dass in vier Monaten das Kloster Dobbertin zu einem Durchgangs-, Entlausungs-, Einkleide- und Ausbildungslager für zehntausende (etwa 82 000) Russen, Letten, frühere Gefangene und Zivilisten wurde. Diese Zahlen können zwar nicht belegt werden, doch die Desinfektionsanlage hatte nachweislich bestanden.

Dazu muss man wissen, dass schon am 2. Mai 1945 die gesamte Klosteranlage durch die Rote Armee besetzt wurde und die Kampftruppen bis Anfang 1947 im Kloster blieben. Auch das Dorf war teilweise geräumt, nur die Klosteramtsbäckerei und die Klostergärtnerei mussten zur Versorgung der Truppen weiterarbeiten.

Mit dem Aufbau des Repatriierungslagers Nr. 217 am Hellberg nahe der ehemaligen Ziegelei des Klosters hatte man schon sechs Tagen nach dem Eintreffen, am 8. Mai 1945, begonnen. Dort entstanden in sehr kurzer Zeit 237 Blockhütten, Baracken und Bretterschuppen, wie aus einer im Goldberger Stadtarchiv gefundenen Liste zu ersehen ist. Drei weitere russische Schriftstücke zum Lager Nr. 217, die die Rostocker Historikerin Dr. Natalja Jeske übersetzte und auf Richtigkeit prüfte, belegen die Identität des dortigen Lagers. So hatte u. a. am 17. Juni 1945 der Leiter der Abteilung Truppendienst des Lagers 217 an den Kommandanten der Stadt Goldberg geschrieben und ihn aufgefordert, dem Offizier Suslin eine Decke, ein Federbett, ein Kissen, zwei Bettlaken und zwei Bettbezüge auszuhändigen. Das Schreiben wurde zur sofortigen Erledigung an den Goldberger Bürgermeister Heinrich Zehbuhr weitergeleitet. Am 25. Juni 1945 schrieb der Leiter des Überprüfungs- und Filtrationslagers an den Goldberger Bürgermeister, dem Lager 217 fünf Pferde für den Transport von Kartoffeln und fünf Mädchen für die Arbeit in der Küche zur Verfügung zu stellen.

Dr. Natalja Jeske hatte bei ihren Recherchen im Moskauer Staatsarchiv auch Akten gefunden, aus denen hervorgeht, dass mit Erlass Nr. 046 vom 26. Oktober 1945 die Unterkünfte und Ausrüstungen an den Leiter der Abteilung Kommandanturdienst der Sowjetischen Militäradministration Mecklenburg zwecks Unterbringung von deutschen Flüchtlingen zu übergeben waren. Die Vollzugsmeldung erfolgte schon am 9. November 1945, doch das Goldberger Lager 217 war nicht dabei. Da die dortigen Holzhütten mit Strohdächern nicht beheizbar waren, hatte man mit ihrem Abbruch schon im September 1945 begonnen.

Heute stehen auf dem Gelände die 1963 für das Panzerregiment 8 und die Raketenabteilung 8 der NVA gebauten Kasernen, die seit der Auflösung 1991 immer noch ungenutzt sind.

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