Andreas Proske : Ein Hallore in Heiligendamm

Der Hallore Andreas Proske im traditionellen Festkleid – die silbernen Knöpfe sind die Inspiration für die berühmten Schokoladenkugeln.
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Der Hallore Andreas Proske im traditionellen Festkleid – die silbernen Knöpfe sind die Inspiration für die berühmten Schokoladenkugeln.

Von einer Karriere als Bademeister an der Ostsee oder der Schwierigkeit, einen Namen herauszufinden

prignitzer.de von
11. November 2017, 00:00 Uhr

Alles fängt mit zwei Männern an, die sich anfangs vielleicht gar nicht gekannt haben. Der eine ist ein hochberühmter Physiker und Schriftsteller in Göttingen, der zunächst nur heimlich und für sich, in seinen „Sudelbüchern“ Texte schreibt, aus denen später funkelnde Aphorismen herausgezogen werden. Aber das tut erst die Nachwelt. Und Georg Christoph Lichtenberg, so sein Name, ist nicht nur quasi englischer Untertan, sondern auch ein England-Fan. Der andere Mann heißt Samuel Gottlieb Vogel, ist gebürtiger Erfurter, Mediziner und seit 1789 Professor an der Universität Rostock.

1793 kann er einen später berühmt gewordenen Aufsatz von Lichtenberg lesen, in dem dieser die Öffentlichkeit fragt: „Warum hat Deutschland noch kein großes öffentliches Seebad?“ Lichtenberg verweist darin unter anderem auf Brighthelmstone und den dort längst etablierten Badebetrieb. Und Prof. Vogel muss sofort begeistert gewesen sein, schlägt er doch seinem Herzog vor, ein solches Seebad in Mecklenburg zu begründen. Am 25. August 1793 übergab er ein Schreiben an Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin und bedauerte darin seinerseits, dass es an der Ostsee noch keine Badeanstalt gäbe. Bereits am 9. September 1793 hieß es in einer Antwort des Landesherrn: „Mir sind bei meiner Anwesenheit Ihre von Ihnen schriftlich aufgesetzten Gedanken über Anlegung eines Seebades übergeben worden; ich wünsche daher, der Herr Hofrat mir darüber mögen einen Plan aufsetzen, welchen ich nicht verfehlen werde auf das genaueste zu prüfen, um alsdann so viel als möglich zur Ausführung desselben beitragen zu können …“

So kamen Mecklenburg und Heiligendamm zu der Ehre, die Gründer des ersten großen öffentlichen Seebades in Deutschland zu werden. Fast hätte ihnen diesen Ruhm ein anderer Ort weggeschnappt, aber noch im September 1793 wurden die ersten Schritte getan, und schon im Sommer 1794 ging es los.

Prof. Vogel verfasste jährliche Annalen. Über den Badesommer 1808 schreibt er unter anderem: „Zur Sicherheit und Belehrung für diejenigen, welche in der offenen See baden, schwimmenlernen wollen und dgl. hatten der Durchlauchtigste Herzog einen Halloren aus Halle kommen lassen, der zu diesem Zweck stets in Bereitschaft war.“

Aber wieso einen Halloren? Wer waren und sind die Halloren überhaupt? Und wieso konnten sie so gut schwimmen? Um die Halloren, die Salinenarbeiter aus Halle an der Saale, ranken sich auch heute noch manche Geheimnisse. Zu den ältesten schriftlichen Zeugnissen gehört ein dickes Buch, die 1795 erschienenen „Bemerkungen eines Akademikers über Halle und seine Bewohner, in Briefen …“ In dem Buch schreibt Autor Christian Friedrich Bernhard August über die Halloren unter anderem: „... um die Universität haben sie einige unverkennbare Verdienste, z.B. die Aufsicht auf den bestimmten Badeplätzen, und den Unterricht im Schwimmen, den sie jeden für ein geringes Geld auf eine sehr fassliche und praktische Art ertheilen. Hiermit beschäftigen sich aber nur einige wenige, welche deshalb, zum Unterschied von den andern, Badehalloren genannt werden.“

Der Buchhändler und Schriftsteller Johann Georg Heinzmann bezeichnet die Halloren in seinen 1788 erschienenen „Beobachtungen und Anmerkungen auf Reisen durch Deutschland“ als „wahre Amphibien, die im Wasser ebenso gut zu Hause sind, als auf der Erde. Ihre Kinder werfen sie mit dem vierten oder fünften Jahr ins Wasser, und springen dann hintendrein, um ihnen zu helfen, wenn es ihnen an Kräften fehlt, sich länger auf der Oberfläche zu erhalten ... Diese Übungen, verbunden mit der schweren Arbeit in den Salzkothen, härten ihre Natur zu einem unglaublichen Grad ab.“

Das besondere Verhältnis der Halloren mit dem Wasser hatte damit zu tun, dass sie von Berufs wegen viel mit dem nassen Element in Verbindung kamen. So lagen ihre Arbeitsstätten und Wohnungen in der Nähe der Saale. Außerdem waren die Halloren „zu Feuer und Wasser vereidet“, das heißt, sie waren bei beiderlei Gefahren zur Hilfeleistung verpflichtet.

Als um die Wende zum 19. Jahrhundert in den Salinen rationalisiert wurde, waren viele Salzwirker gezwungen, sich nach neuen Verdienstmöglichkeiten umzusehen. Nicht wenige von ihnen nutzten daher ihre eigenen Schwimmkünste, um aufzupassen und anderen Menschen das Schwimmen beizubringen. In vielen Städten, auch außerhalb Halles, waren Badehalloren tätig. Und nicht zuletzt eröffnete die Hallorin Amalie Lutze 1834 „Das erste Berliner Damen-Bad im Freien“. Im Gegensatz zu ihr kennt man leider von unserem Halloren in Heiligendamm nicht den Namen – jedenfalls bisher nicht. Weder in hiesigen noch in halleschen oder anderen Archiven ließ sich ein Hinweis auf seine Person, Anstellung und seinen Verdienst finden. Zwar können wir im Staatskalender des Jahrgangs 1809 nachlesen, dass es im Vorjahr unter dem Verweis „Seebad, zu Doberan“ zwei Directores gab: Amtshauptmann Wachenhusen, zu Doberan. und den uns wohlbekannten LeibMedicus Vogel, zu Rostock, wohl auch einen Bibliothecar, einen Schaluppenmeister und den Bademeister N. Burmeister, aber eben keinen Halloren. Und ein Salzwirker namens Burmeister wiederum scheint in Halle unbekannt zu sein. Also muss noch etwas Wasser die Saale herunterfließen, um herauszufinden, wer zu welchen Konditionen und für wie lange von Halle nach Heiligendamm gereist war, um dort auf die in der Ostsee Badenden aufzupassen.
 

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