Kulturhaus Mestlin : Haus der Möglichkeiten

Das Kulturhaus am Marx-Engels-Platz in Mestlin: Das Ensemble steht bereits seit 1977 unter Denkmalschutz.
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Das Kulturhaus am Marx-Engels-Platz in Mestlin: Das Ensemble steht bereits seit 1977 unter Denkmalschutz.

Der Deutsche Preis für Denkmalschutz soll die Entwicklung des Kulturhauses Mestlin beflügeln – so hofft der damit ausgezeichnete Verein.

prignitzer.de von
08. Dezember 2017, 00:00 Uhr

Es ist die steingewordene Utopie von einem neuen Leben: Wohnungen, Geschäfte und Gaststätte, Schule, Kindergarten, Ambulatorium und Kulturhaus. Alles, was der Mensch braucht, gruppiert um den Marx-Engels-Platz in Mestlin, das in den 1950er-Jahren die Wandlung vom rückständigen Flecken zum sozialistischen Musterdorf erleben sollte. Und da wurde geklotzt und nicht gekleckert: Das Kulturhaus ist so gewaltig, dass es zusammen mit der Kirche aus der Silhouette des Dorfes ragt. Besser gesagt: Die Kirche nimmt sich eher bescheiden aus.

Ein gewaltiger Klotz also – auch am Bein. Und eine Chance, die Utopie mit Leben zu füllen. Beiden Herausforderungen stellt sich der Verein „Denkmal Kultur Mestlin“ seit fast zehn Jahren. Jetzt erhielt er dafür den Deutschen Preis für Denkmalschutz. In ihrer Begründung wies die Jury vor allem auf den ganzheitlichen Ansatz hin, zu dem nicht nur die bauliche Sicherung, sondern auch Nutzbarmachung und Kulturbetrieb gehören. „Das hat uns besonders gefreut“, sagt Vereinsvorsitzende Claudia Stauß.

Mit einer Geldsumme dotiert ist der Preis nicht. Er ist Ruhm, Ehre – und wie die Vereinsmitglieder hoffen – ein Weckruf, die aktuelle Situation zu verändern. „Wir gehen davon aus, dass es in irgendeiner Form eines Engagements des Landes bedarf“, sagt Claudia Stauß. Aktuell gehört das Kulturhaus der Gemeinde, die finanziell nicht in der Lage ist, das Gebäude zu entwickeln. „Was wir brauchen, ist eine Struktur, in der das möglich ist“, sagt die Vereinsvorsitzende und verweist auf das Landesraumentwicklungsprogramm, in dem Mestlin zum ländlichen Gestaltungsraum um Goldberg gehört. „Möglicherweise kann das ja ein Ansatz sein.“

Das Kulturhaus ist heute 60 Jahre alt. Bereits 1977 wurde es mit dem Ensemble um den Marx-Engels-Platz unter Denkmalschutz gestellt. Seit 2011 trägt es den Status Denkmal von nationaler Bedeutung. Gebaut wurde es im Stil des Neoklassizismus, auch sozialistischer Klassizismus oder Stalin-Barock genannt. Nicht nur für Mestlin war das Gebäude ein kulturelles Zentrum: Jugendweihen und Erntefeste, Tanz, Kino und Konzerte lockten im Jahr 50 000 Besucher. Nach der Wende entstand eine Großraumdisko. Der Betreiber ließ dafür die Wände im Innern schwarz streichen – auch die Decken. „Die Leute kamen, der Ort war an den Diskoabenden zugeparkt“, erzählt Torsten Kort, Schatzmeister des Vereins. Ein zweiter Betreiber ließ fuhrenweise Sand in den Saal karren, um Flair für Beachpartys zu schaffen. Nach dem Disko-Aus war nicht nur das Gebäude in einem noch bedenklicheren Zustand als zum Ende der DDR, sondern auch das Meiste des Inventars verschwunden.

Der Verein „Denkmal Kultur Mestlin“ ist bereits der zweite, der sich des Hauses annimmt. 1997 hatte sich ein Förderverein gegründet, dessen Mitglieder mit Hilfe zahlreicher Einwohner das Gebäude entrümpelten und den kleinen Saal wieder nutzbar machten. In den Jahren 2000/2001 brachte dieser Verein noch die Sanierung der gewaltigen Dachfläche auf den Weg. Doch dann zogen sich immer mehr Mitglieder zurück – bis zur Zwangsauflösung. Als 2008 der Verein Denkmal Kultur Mestlin entstand, war es Enthusiasmus, der die Gründer trug. „Es hatte eine Bürgerinitiative gegen Windkraft gegeben, aus der die Gruppe hervorging“, erinnert sich Stauß. Und Kort ergänzt: „Wir wollten nicht nur gegen etwas sein, sondern auch für etwas. Das Kulturhaus lag da auf der Hand.“

Was damit auf sie zukommen würde, das, sagt Claudia Stauß, habe sie nicht geahnt – inklusive schräger Blicke von Menschen, die sich das Engagement für das bauliche Erbe sozialistischer Vergangenheit nicht erklären können. Dabei haben die Bemühungen mit Vergangenheitsverklärung nichts zu tun – eher mit dem Wunsch, ein in dieser Form einmaliges historisches Ensemble zu bewahren und den Faden einer Utopie aufzunehmen, die Kultur für alle zum selbstverständlichen Teil des Alltags erklärte.

In den zurückliegenden Jahren haben sich Veranstaltungen wie regelmäßige Ausstellungen etabliert. Im vierten Jahr ist das Kulturhaus Spielstätte der Festspiele MV und erhielt den Spielstättenpreis 2017. Konzerte, Theater und Lesungen kommen dazu, es gibt eine Jugendtheatergruppe. „Wir hatten sogar schon Boxkämpfe. Darauf wären wir von allein nie gekommen“, sagt Claudia Stauß und unterstreicht damit, dass das Kulturhaus ein offenes Haus ist – gestaltet von Menschen, die es nutzen wollen.

Manchmal, sagt die Vereinsvorsitzende, rufen Busunternehmer an und wollen mit Reisegruppen Mestlin besuchen. Doch hier stößt der Verein an seine Grenzen – die Mitglieder arbeiten ehrenamtlich. Dieses Beispiel zeigt nach Ansicht von Claudia Stauß aber auch, dass ein Konzept für das Kulturhaus eine wirtschaftliche Komponente haben kann. Auch als Ort politischer Bildung können sich die Vereinsmitglieder das Gebäude gut vorstellen. „Trotzdem wird es nie ein Wirtschaftsunternehmen werden, sondern immer ein Kulturhaus bleiben“, sagt Claudia Stauß. Eines, dass sich ihrer Ansicht nach in eine Tradition sozialer Utopien einreiht, wie sie zum Beispiel auch in der Anfang des 20. Jahrhunderts errichteten Gartenstadt Hellerau mit eigenem Festspielhaus Raum findet: „Solche Ideen hat es zu allen Zeiten gegeben.“

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