Festung Dömitz : „Hier trägt die Seele Ketten...“

Der Eingang zur Festung Dömitz
Der Eingang zur Festung Dömitz

Die Festung Dömitz ist aufs engste mit dem Strafvollzug in Mecklenburg verbunden

prignitzer.de von
11. November 2017, 00:00 Uhr

„Hier scheinet keine Sonne helle, hierher verirrt sich nie das Glück, hier tragen Leib und Seele Ketten, jedwede Freud’ erstickt der Ort“, schreibt 1771 Heinrich Julius Tode. Mit dem Ort meint der Pastor und Pilzforscher die Festung Dömitz. Die Festung, von 1559 bis 1565 von italienischen Bauleuten errichtet, besaß im 18. Jahrhundert kaum noch militärische Bedeutung, ist aber auf das engste mit dem Strafvollzug in Mecklenburg verbunden.

Nicht nur gewöhnliche Kriminelle, sondern auch Frauen und Männer, die unvorstellbare Not, Kriegswirren, Leibeigenschaft, fehlendes Heimatrecht und Junkerwillkür zu Straftaten trieb, wurden seit frühester Zeit an Leib und Leben bestraft. Erst das rationalistische Denken der frühen Neuzeit im 17. Jahrhundert sah einen neuen Strafzweck in der Möglichkeit, die Arbeitskraft des „Verbrechers“ im Interesse des Staates zu verwerten. Die Leib- und Lebensstrafen traten deutlich hinter die Freiheitsstrafen zurück.

Dessen ungeachtet wurden auf der Festung nach wie vor Todesurteile vollstreckt. 1719 machte der vom Kaiser für abgesetzt erklärte Herzog Carl Leopold Dömitz zu seiner Residenz. Zunächst brachte der herzogliche Hof reges Leben nach Dömitz und Geld unter die Leute. Doch bald sollte sich das Bild ändern. Der Herzog glaubte den Gerüchten über eine Verschwörung gegen ihn und über die vorbereitete Sprengung des Dömitzer Kommandantenhauses. Ob diese Beschuldigungen den Tatsachen entsprachen, lässt sich heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Als angebliche Verschwörer wurden Beamte des Hofes, Soldaten, Offiziere und der Bürgermeister der Stadt verhaftet. Zwei Musketiere, die einen heimlichen Briefwechsel vermittelt haben sollten, wurden am 19. Dezember 1721 gerichtet und danach ihre Köpfe und gevierteilten Leiber an der Landstraße nach Dömitz aufgehängt. Der Dömitzer Bürgermeister Brasch starb am 9. Oktober 1723 während der Folter. Dem Festungskommandanten gelang die Flucht über die naheliegende Grenze, aber Geheimsekretär David Scharf wurde während der Folter mit flüssigem Schwefel übergossen. Am 5. November 1723 erlöste ihn der Tod von den Qualen. Die grässlich entstellte Leiche wurde gevierteilt und ebenfalls öffentlich zur Schau gestellt. Diese furchtbaren Folter- und Hinrichtungsmethoden sind aber keineswegs eine Erfindung des Herzogs Carl Leopold. Schon vor seinem Regierungsantritt wurden in der Dömitzer Festung Delinquenten auf ähnliche Weise gequält und getötet. Die mit mittelalterlicher Grausamkeit geführten Prozesse sowie die Einrichtung des Stockhauses auf der Festung bewirkten, dass die Stadt in den schlimmsten Ruf geriet, der selbst noch in der Literatur des 19. Jahrhunderts thematisiert wurde. „Von der Zeit an schauderte allen die Haut, wenn sie von Dömitz hörten. Niemand reisete gern dahin, um der zerstückelten Menschen willen, die dort an den Straßen hingen“, schreibt Wilhelm Raabe 1857 in seiner „Mecklenburgischen Vaterlandskunde“, Fritz Reuter nannte Dömitz den „Ruklas von ganz Meckelnborg“, John Brinckman setzte den Namen der Stadt gleich der „Höllenfort und der ewigen Verdammnis“.

In der Magazinabrechnung aus dem Jahre 1703 wird erstmals ein Stockhaus auf der Festung genannt. Für das ganze Herzogtum Mecklenburg wurde hier die Karrenstrafe vollstreckt. Die Sträflinge wurden „Sklaven“ genannt. Sie wurden an eine Schubkarre geschmiedet und mussten Instandhaltungsarbeiten an den Festungswerken verrichten. Im Stockhaus waren durchschnittlich 20 bis 70 „Sklaven“ untergebracht, vorwiegend militärische Sträflinge, aber auch „unbotmäßige“ und „widersetzliche Bauern“, das heißt solche, die sich gegen die Ritterschaft aufgelehnt hatten.

Das Stockhaus bestand aus einem Raum von etwa 70 Quadratmetern Grundfläche. Dieser Raum wurde tags und nachts zum Arbeiten, Essen und Schlafen genutzt. Wegen des Raummangels mussten die Gefangenen in zwei Stockwerken von Pritschen übereinanderliegen.

Die Verpflegung bestand aus: sonntags, jedweder ein Pfund Fleisch / montags, Erbsen / dienstags, Grütze oder Bohnen / mittwochs, Meelbrey / donnerstags, Erbsen / freitags, Grütz oder Bohnen / sonnabends, Meelbrey“.

Die Gefangenen trugen während der ganzen Zeit Ketten. Dennoch gelang es immer wieder Sträflingen, von der Festung zu fliehen und das hannoversche Elbufer oder die nahe preußische Grenze zu erreichen. Allein im dritten Quartal 1774 flohen sechs Menschen, ebenso im gleichen Zeitraum 1790. Wen wundert es. Die Wachmannschaft bestand aus nicht mehr kriegsdiensttauglichen Invaliden, „aus alten schwachen Leuten, von denen einige zu sehr den Trunk liebten und dadurch zum Dienst unfähig wurden“.

Bezeichnend für die Dömitzer Garnison ist, dass nach der Besetzung Meck-lenburgs durch die Franzosen der von Napoleon 1806 eingesetzte Gouverneur Laval das mecklenburgische Militär auflöste, die Dömitzer Truppe aber nicht. Er betrachtete die fünf Offiziere und 60 Soldaten nicht als militärische Einheit, sondern als Polizeitruppe, deren einzige Aufgabe darin bestand, die Insassen des Stockhauses zu bewachen. Dass die Truppe ihrer Aufgabe nur bedingt gerecht wurde, wird ersichtlich durch die Tatsache, dass immer wieder Steckbriefe mit hohen Kopfprämien für die „Ergreifung von in Dömitz Entsprungener“ ausgesetzt wurden.

Nicht alle Fluchtversuche endeten erfolgreich. 1823 wurde der 43-jährige Stockhausgefangene Carl Christian Redeloff aus Cantnitz bei Feldberg „beim Weglaufen erschossen“. Das Begräbnisregister der Garnisonspfarre Dömitz nennt auch die Namen von vier Stockhausgefangenen, die auf der Flucht in der Elbe ertranken.

Die Haftbedingungen und drastischen Strafen führten dazu, dass sich Sträflinge das Leben nahmen. Selbstmord beging beispielsweise 1788 Johann Berg aus Tessin und 1790 Friedrich Taufer aus Lottran. Immer wieder kam es auch zu Auseinandersetzungen zwischen den Häftlingen. Bei einem Streit wurde 1840 der Arbeiter Georg Roloff aus Wismar von einem Mitgefangenen erstochen.

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