Juden in MV : Musikerin fand Rettung in Dargun

Voller Erinnerungen an die Kindheit: Nele Hertling (r.) erzählte Mitgliedern einer deutsch-israelischen Jugendgruppe bei einem Besuch in Dargun von der Zeit des Asyls im Pfarrhaus.
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Voller Erinnerungen an die Kindheit: Nele Hertling (r.) erzählte Mitgliedern einer deutsch-israelischen Jugendgruppe bei einem Besuch in Dargun von der Zeit des Asyls im Pfarrhaus.

Im Jahr 1944 entstand im Pfarrhaus eine verschwiegene Schicksalsgemeinschaft

prignitzer.de von
25. November 2017, 00:00 Uhr

Viele Jahrzehnte war diese Geschichte in der ostmecklenburgischen Kleinstadt Dargun so gut wie unbekannt: Eine Jüdin hat mit ihrer Tochter die letzten beiden Jahre des Dritten Reiches im Pfarrhaus überlebt.

Den Stein ins Rollen gebracht hat ein Musikwissenschaftler in den USA: Der aus Greifswald stammende Nico Schüler, als Professor of Music Theory and Musicology an der Texas State University School of Music tätig, forscht seit über zehn Jahren zum Ehemann der Jüdin, dem Komponisten und Musiker Hanning Schröder.

Dessen Frau, Cornelia Schröder-Auerbach, wirkte als erste promovierte Musikwissenschaftlerin an der Berliner Akademie der Wissenschaften, bevor sie Darguns Pastor Johannes Rienau bei sich im Pfarrhaus aufnahm.

Der 1896 in Rostock geborene Schröder hatte mit seinen Werken in den Konzertsälen von Freiburg, Jena, Rostock und Berlin Anerkennung gefunden. Er war als virtuoser Bratscher in Orchestern und in Kammermusikensembles gefragt und erfolgreich. Da ereilte ihn 1935 mit dem Ausschluss aus der Reichsmusikkammer quasi das Berufsverbot. „Besuche“ von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), Bespitzelungen und Bedrohungen aufgrund seiner Kompositio-nen von Arbeiterliedern, seiner Kontakte mit dem „linken“ jüdischen Komponisten Hanns Eisler und weil er sich nicht von seiner jüdischen Frau trennte, erschwerten sein Leben erheblich und machten ihm das Komponieren fast unmöglich.

In dieser Situation brachte Schröder seine Frau in Dargun in Sicherheit. Er selbst durfte mit einer Ausnahmegenehmigung bis Kriegsende als Bratschist in Berlin arbeiten. Fast zeitgleich, von Anfang 1944 bis zum März 1945, verbargen Schröders in ihrer Berliner Wohnung in Berlin-Zehlendorf ein jüdisches Paar und retteten dieses damit vor dem sicheren Tod.

Für Frauke Pulkenat wurden mit Schülers Nachforschungen viele Erinnerungen lebendig. Die 87-jährige ist eine Tochter von Pastor Rienau und kann sich noch sehr gut an den Gast aus Berlin erinnern: „Cora war doch auch evangelisch...“ Dass sie jüdischer Abstammung war, das habe sie damals gar nicht gewusst. Ihre Eltern hatten darüber nichts geäußert. Wohl aus Sorge um die Familie, denkt Frauke Pulkenat heute. Es hieß offiziell immer nur, dass die Frau in Berlin ausgebombt sei und deshalb in Dargun wohnen müsse. Erst nach dem Krieg habe ihr Cora selbst berichtet, dass sie Halbjüdin sei.

Über einen Bekannten ihres Ehemannes sei die Berlinerin im Pfarrhaus untergekommen. Die Familie des Pfarrers war selbst erst kurz zuvor dort angekommen – aus Hamburg, von wo sie vor den Bomben geflohen war. 1943 habe ihr Vater seinen Dienst als Pastor aufgenommen: „Von den Juden in Dargun haben wir gar nichts mehr mitbekommen... jüdisches Leben gab es nicht mehr“, erinnert sich Frauke Pulkenat. Ihr Vater habe nur noch Trümmer auf dem jüdischen Friedhof vorgefunden und sei angesichts der Zerstörungen tief erschüttert gewesen. So sei dann wohl auch eine „Schicksalsgemeinschaft“ mit dem Gast aus der Hauptstadt im Pfarrhaus entstanden.

Cornelia Schröder-Auerbach blieb auch nach Kriegsende in Dargun, spielte die Orgel und leitete den Kirchenchor. Weil wohl lange kein Wohn- und Arbeitsraum im zerstörten Berlin zu finden war, glaubt Frauke Pulkenat. Dabei blättert sie in ihren Fotoalben und zeigt auf Bil-der mit Cora im Pfarrgarten, beim Hüten von Pastors Gänsen, an der Orgel in der Pfarrkirche, zusammen mit Ehemann Hanning bei dessen Besuchen in Dargun. Mit beiden verband Pulkenat bis zu deren Lebensende 1987 bzw. 1997 ein enger Kontakt. Das Ehepaar Schröder hatte 1953, kurz vor dem Wegzug aus Dargun, auf der Hochzeit von Frauke „zum Tanz aufge-spielt“ – „sie am Flügel, er hat gegeigt“.

Nach dem Krieg leitete Schröder die Sektion Kammermusik im Ostberliner Komponistenverband. Durch den Mauerbau waren seine Aktivitäten ab 1961 fast nur auf Westberlin beschränkt, wo er als freischaffender Komponist tätig war. Seine Ehefrau Cornelia war von 1954 bis 1959 Leiterin der Sektion Musik an der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin.

Tochter Nele studierte Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft und war danach zuletzt unter anderem als Intendantin des Berliner Hebbel-Theaters und als Präsidentin des Deutsch-Französischen Kulturrates tätig. Von 2006 bis 2015 war sie Vize-Präsidentin der Akademie der Künste.

Nach mehr als 60 Jahren besuchte sie wieder Dargun. „Meine Mutter hatte eine ganze Reihe von Dargunern als Musikschüler“, wusste die 83-Jährige zu berichten: „Sie war in Dargun immer noch zu Hause.“
 

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