Wer schießt beim DFB die Tore? : Starke deutsche Nationalmannschaften hatten immer starke Stürmer

Avatar_prignitzer von 17. Juni 2021, 19:59 Uhr

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Jubel im EM-Finale 1996: Die Stürmer Jürgen Klinsmann (links) Stefan Kuntz (Nummer 11)und Oliver Bierhoff (unten) waren alle mit Toren am Titelgewinn beteiligt.
Jubel im EM-Finale 1996: Die Stürmer Jürgen Klinsmann (links) Stefan Kuntz (Nummer 11)und Oliver Bierhoff (unten) waren alle mit Toren am Titelgewinn beteiligt.

Durchschlagskraft – es ist das Wort, das innerhalb der deutschen Nationalmannschaft aktuell mit am häufigsten gebraucht wird. Tore müssen her, am besten schon an diesem Samstag im zweiten Spiel gegen Portugal – doch wer soll sie schießen?

Herzogenaurach | Auf der Gegenseite stellt sich diese Frage nicht. Zum Auftakt dieser Fußball-Europameisterschaft hat Cristiano Ronaldo beim 3:0-Sieg der Portugiesen gleich zweimal getroffen. Elf EM-Treffer hat der 36-Jährige jetzt auf dem Konto – niemand vor ihm hat diese Marke je erreicht. Es sind elf EM-Tore mehr, als der gesamte deutsche Kader aufweist. Sag mir, wo die Stürmer sind, wo sind sie geblieben? Deutschlands starke Mannschaften hatten immer starke Männer in der Spitze. Angefangen bei Fritz Walter und Helmut Rahn über Uwe Seeler, Gerd Müller, Klaus Fischer, Karl-Heinz Rummenigge, Rudi Völler bis hin zu Jürgen Klinsmann oder Miroslav Klose. 71 Tore erzielte dieser Klose in 137 Länderspielen. Doch bereits während seiner Karriere zeichnete sich das „Sturmproblem“ im DFB langsam ab. Flaute an vorderster Front Vor allem bei den letzten beiden Turnieren war es eklatant. Gab es bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine noch fünf Stürmertore – drei von Mario Gomez und je eins von Miroslav Klose und Lukas Podolski –, herrschte danach, die WM 2014 ausgenommen, weitgehend Flaute an vorderster Front. Beim WM-Vorrundenaus 2018 in Russland war Timo Werner in alllen drei Spielen einzige Spitze, er erzielte kein Tor. Bei der EM 2016 begann zweimal Mario Götze im Sturmzentrum – ohne Erfolg. Danach wurde er von Mario Gomez abgelöst, der zwei Tore erzielte. Im Halbfinale gegen Frankreich kam er aber verletzt nicht zum Einsatz. Oft wurde Gomez als Chancentod bezeichnet, seine Bilanz im Nationaldress aber sagt etwas anderes: 31 Tore in 78 Spielen. Vielleicht wären es mehr geworden, wäre er unter Joachim Löw öfter zum Einsatz gekommen. Doch der Bundestrainer, seit nunmehr 15 Jahren im Amt, hatte schon immer ein Faible für flexible Offensivkräfte, die irgendwann mit dem Begriff der „falschen Neun“ einen Stempel bekamen. Was dieser bedeutet? Dass es den Neuner kaum noch gibt in der deutschen Mannschaft. Einen Stürmer, der, wie es im modernen Fachjargon heißt, in der Box steht. Früher hat man es so ausgedrückt: „Einer, der da steht, wo ein Stürmer stehen muss.“ Muss die DFB-Elf mehr flanken? Füttern muss man diese Spieler. Am besten mit Pässen in die Spitze oder Flanken von außen. Eigentlich genau die Maßnahme, die Löw seinen Mannen vor dem 0:1 zum Auftakt gegen Frankreich verordnete, um das Zentrum des Weltmeisters zu umgehen. Über die linke Seite von Robin Gosens gelang dies besser als über rechts, wo Joshua Kimmich – eher ein Freund des Kurzpasses – agierte. Video: Löw sucht die Durchschlagskraft Löw sucht die Durchschlagskraft: Training vor Ronaldo-Duell Doch wie sinnvoll sind diese Flanken, wenn keiner sie verwerten kann? Gosens selbst merkte an: „Die Flanken kamen vielleicht etwas zu hoch.“ Man habe ja mehr „Bodenspieler“ in der Offensive. Gegen Frankreich waren das Thomas Müller, Kai Havertz und Serge Gnabry, der meist die zentrale Position einnahm. Der Bayern-Spieler fehlte am Donnerstag im Training. Aus Gründen der Belastungssteuerung absolvierte Gnabry ein Einzeltraining, während seine Kollegen zum Aufwärmen eine spielerische Aufgabe bekamen. In kleinen Gruppen sollte jeder einmal am Ball sein. Wer ihn als letzter bekam, musste ihn in einer Tonne versenken. Timo Werner ist eine Option Einer, der gleich zweimal traf, war Timo Werner. Eine Option für das Spiel gegen Portugal. Ebenso wie Leroy Sané. Allerdings sie sind auch sie keine echten Neuner. Das ist nur einer im Kader: Kevin Volland, 28 Jahre. 16 Tore erzielte er letzte Saison für den AS Monaco in der Ligue 1 – kein anderer Profi im DFB-Kader traf in dieser Zeit öfter. Die Bundesliga-Torschützenliste wird dominiert von Profis anderer Nationalitäten – schon länger. Letzter deutscher Torschützenkönig war Alex Meier. 19 Treffer erzielte er in der Saison 2014/15 für Frankfurt. Mario Gomez traf 2010/11 für die Bayern 28-mal. Stindl schoss in der Bundesliga 14 Tore - und ist nicht bei der EM dabei In der vergangenen Saison schwebte der Pole Robert Lewandowski (41 Tore) über allen, es folgten der Portugiese André Silva (28) und der Norweger Erling Haaland (27). Der beste deutsche Torschütze, Lars Stindl (14), ist nicht bei der EM dabei. Müller (11) und Gnabry (10) sind die einzigen Offensivkräfte im Kader – neben Volland –, die in ihren Ligen vergangene Saison zweistellig trafen. Volland kam wie Sané und Werner gegen Frankreich zu einem Kurzeinsatz, und das hinten links. Wenn Löw auch gegen Portugal auf Bälle von außen setzt, warum dann nicht mal einen bringen, in dessen Natur es liegt, solche Vorlagen zu verwerten? An allen Turniererfolgen waren bisher Stürmer beteiligt Die Historie zeigt: An allen großen deutschen Turniererfolgen waren auch die Stürmer beteiligt. Beim WM-Erfolg in Brasilien vor sieben Jahren trafen vier Stürmer, Müller (5), André Schürrle (3), Götze (2) und Klose (2). 1996 in England war Jürgen Klinsmann dreimal erfolgreich, Stefan Kuntz erzielte ein Tor. Das Finale gewann Deutschland dank zweier Treffer von Oliver Bierhoff. 1980 gingen sogar alle Turniertore auf das Konto von Stürmern. In vier Spielen trafen Karl-Heinz Rummenigge (1), Klaus Allofs (alle drei Tore beim 3:2 gegen die Niederlande) und Horst Hrubesch (zweimal im Endspiel gegen Belgien). 1972 erzielte Gerd Müller im Halbfinale gegen Belgien und im Endspiel gegen die Sowjetunion je zwei Tore. Nach dem ersten Spiel bei dieser EM steht Deutschland noch ohne Treffer da. Emre Can sagt: „In der Offensive müssen wir auf jeden Fall zulegen.“ Und wie? „Da müssen wir alle mitarbeiten“, betont Matthias Ginter. Tore also dringend erwünscht – und ein Mann, der sie erzielt. ...

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