WM-Halbfinale: Sieg in der Verlängerung : Mandzukic macht's – Kroatien besiegt England und steht im Endspiel

Kroatien steht nach einem 2:1 nach Verlängerung gegen England im Finale. Foto: imago/Agencia EFE
Kroatien steht nach einem 2:1 nach Verlängerung gegen England im Finale. Foto: imago/Agencia EFE

Nach einer dramatischen Partie steht Kroatien im WM-Endspiel und trifft auf Frankreich. England fährt nach Hause.

prignitzer.de von
11. Juli 2018, 22:46 Uhr

Moskau | Was für ein Fußballspiel – welch ein Unterschied zum unterkühlten WM-Halbfinale in St. Petersburg. Nach einer heißblütigen, von beiden Seiten über 120 Minuten mit offenem Visier geführten Schlacht von Moskau zog Kroatien mit einem 2:1-Wendesieg ins Finale gegen Frankreich ein.

Vor dem Anpfiff war die Euphorie bei 30000 englischen Fans unter den 78011 Fans im Luschniki-Stadion noch groß: Mit Pathos intonierten sie Hoffnungen, Gott möge die Queen schützen und der bisher nur 1966 in Wembley errungene Weltpokal endlich heimkehren. Mit dem 1:0 durch Kieran Trippier nach fünf Minuten verschwand zuerst das darin enthaltene Bangen – zugunsten verfrühter Euphorie.


Mit einem traumhaften Freistoß brachte Kieran Trippier (Mitte) England bereits nach fünf Minuten in Führung. Foto: imago/Contrast
O.Behrendt
Mit einem traumhaften Freistoß brachte Kieran Trippier (Mitte) England bereits nach fünf Minuten in Führung. Foto: imago/Contrast


Der Linksaußen von Tottenham Hotspur hatte einen Freistoß rechts oben über die Mauer ins Tor der Kroaten gezirkelt, den der schnelle Dele Alli 18 Meter vor dem Tor gegen Luka Modric gezogen hatte. Viele Engländer hatten sich zu den Kroaten in die Mauer gestellt und so die Sicht versperrt – die Spieler am Ball verschleierten durch protestierendes Gefuchtel den Moment des Schusses. Kroatiens Keeper Danijel Subasic reagierte zu spät. Es war der neunte Standard-Treffer unter Englands 12 WM-Toren – eine stolze Quote von 75 Prozent.

Auch den Rest der ersten Hälfte agierten die Three Lions überlegen: Ihre eng stehende Fünferkette blockte alles ab, was Kroatien anschob, bis auf einen Abschluss des sich aufreibenden Noch-Frankfurters Ante Rebic, den Pickford parierte. Und nach vorne ging es oft durchs Zentrum und vor allem schnell: Entweder über die Luft und Harry Kane als Bande, aber vor allem am Boden über die flinken Alli und Raheem Sterling: Beide wirkten zunächst doppelt so schnell wie die kroatischen Verteidiger.


Intensive Zweikämpfe zwischen Englands Ashley Young (l) und Kroatiens Ante Rebic. Foto: imago/Bildbyran
PETTER ARVIDSON
Intensive Zweikämpfe zwischen Englands Ashley Young (l) und Kroatiens Ante Rebic. Foto: imago/Bildbyran


Die fast 30-jährigen Herren in jener Viererkette hatten zuvor zweimal jeweils 120 Minuten spielen müssen. Dazu litt Domagoj Vida bei jedem Ballkontakt unter von russischen Fans initiierten Pfiffen –wohl eine Reaktion darauf, dass der Innenverteidiger von Besiktas Istanbul in einem Video „Ehre für die Ukraine“ gerufen hatte, nachdem sein Team Russland geschlagen hatte. Ob jene englischen Fans, die sich den Pfiffen anschlossen, den Hintergrund kannten?

Schönheitsfehler auf dem Feld blieb für England das Resultat: Weder Maguires Kopfball noch Kanes wohl im Anschluss zu Unrecht wegen Abseits abgepfiffener Doppel-Abschluss (Subasic und Pfosten retten für Kroatien) führten zum 2:0 – fast schon kläglich vergab Jesse Lingard freistehend aus 16 Metern.


Kyle Walker kommt zu spät, Ivan Perisic gleicht zum 1:1 aus. Foto: imago/Sportimage
David Klein
Kyle Walker kommt zu spät, Ivan Perisic gleicht zum 1:1 aus. Foto: imago/Sportimage


So kamen nie aufsteckende, unter Modrics Regie nun stark aufspielende Kroaten nach der Pause zurück ins Spiel – allerdings durch ein eher illegales Tor. Ivan Persisic sprang mit lang ausgestrecktem Bein in eine lange Flanke und hatte, als er am Fünfmeterraum den Ball traf, seinen Fuß höher als der auch zum Ball laufende Engländer Kyle Walker. Der Verteidiger von Manchester City zuckte zurück ob des in Karate-Manier mit Stollenschuhen heranfliegenden Perisic. Warum das Video-Schiedsrichterteam um Bastian Dankert und Felix Zwayer aus Deutschland das Tor durchwinkte, blieb fraglich.

Großartig war: die Engländer spielten komplett ohne Proteste weiter – und ein total offener Schlagabtausch entwickelte sich. Aber mit besseren Chancen für emotional aufgeputsche Kroaten, deren Fans nun hinter Pickfords Tor in diesem großartigen Fußballtempel von Luischniki vollig ausrasteten: Erst traf Perisic aus 14 Metern den Innenpfosten, Rebic scheiterte im Nachschuss an Pickford wie später Mandzukic mit einer Volley-Abnahme. Für England sorgten Lingards Hereingabe ohne Abnehmer und Kanes Schuss in der Nachspielzeit für Gefahr.

In der nicht minder temporeichen Verlängerung hatte für England John Stones die Entscheidung auf dem Kopf –Kroatiens Sime Vrsaljko rettete auf der Linie. Dann hatte sie Kroatiens Mario Mandzukic zweimal auf dem Fuß – und nachdem er zuerst eine Perisic-Hereingabe in den Nachthimmel gejagt hatte, traf er. Wieder war es der überragende Perisic, der einen von Walker unzureichend geklärten Ball wieder heiß gemacht und vor das Tor geköpft hatte, wo Mandzukic in Mittelstürmer-Mainer vollendete (109.).

Danach fiel England nichts mehr ein: Spieler und Fans standen nach Abpfiff in Schockstarre ob der verpassten historischen Chance, während die Kroaten nach dem dritten 120-Minuten-Spiel ini Folge einen Sprint über das ganze Spielfeld zu ihren feiernden Fans hinlegten. Dieses mental überragende Team muss Frankreich im Finale erstmal schlagen.

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