Politischer Blick auf die WM 2018 : Der Fußball als Mittel zum Zweck

Russlands Präsident Wladimir Putin (rechts), hier neben Fifa-Präsident Gianni Infantino, will sich bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land als Staatsmann in Szene setzen. Foto: dpa/Alexander Zemlianichenko/AP
Russlands Präsident Wladimir Putin (rechts), hier neben Fifa-Präsident Gianni Infantino, will sich bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land als Staatsmann in Szene setzen. Foto: dpa/Alexander Zemlianichenko/AP

Mit der Weltmeisterschaft in Russland steht für das Land viel auf dem Spiel - sportlich, aber auch politisch.

prignitzer.de von
13. Juni 2018, 18:30 Uhr

Moskau | Die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 ist in der russischen "Dekade des Sports" der herausragende Meilenstein. Wenn es nach Wladimir Putin geht. Für den russischen Staatschef ist die Weltmeisterschaft ein größeres Prestigeobjekt als die Olympischen Winterspiele in Sotschi. Aber die Ausgangsposition ist für Putin günstiger als bei Olympia. Russland ist fußballbegeistert und die Russen werden vermutlich alles Menschenmögliche tun, um ihr Land international im besten Licht erscheinen zu lassen.

Versammlungsfreiheit eingeschränkt

Was nichts daran ändert, dass Putin wie schon vor dem Confederations Cup 2017 die Versammlungsfreiheit einschränkt. Oppositionelle wie Alexej Nawalny werden vorübergehend festgenommen, Hajo Seppelt, dem Dopingexperten der ARD, Aufdecker des Staatsdopings bei Olympia in Sotschi, sollte die Einreise verweigert werden. "Sein Gesicht ist in Russland sehr bekannt, aber ich hoffe natürlich trotzdem, dass Hajo nach Russland kommt. Ich bin überzeugt davon, dass ihm nichts passiert", sagt Udo Lielischkies, Korrespondent in Russland und seit 2014 Leiter des ARD-Studios in Moskau.

Lielischkies rechnet mit einem nie dagewesenen Aufkommen von Sicherheitskräften, weil "sich Putin schlechte Schlagzeilen nicht leisten kann". Deshalb rechnet der renommierte Fernsehjournalist auch nicht damit, dass das offensichtliche Hooligan-Problem im russischen Fußball anlässlich der Weltmeisterschaft eine größere Rolle spielen wird. Obwohl man da bei den russischen, mehrheitlich national bis rechtsradikal denkenden Chaoten niemals sicher sein kann. Putin will sich als Staatsmann in Szene setzen, da kann er derartige Störfeuer nicht gebrauchen.

"Wir haben sowohl unser Land als auch unser Herz für die Welt geöffnet", sagte der Präsident in einer vom russischen Fernsehen ausgestrahlten Ansprache an die Welt vor dem Anpfiff des Eröffnungsspiels zwischen den Mannschaft Russlands und Saudi-Arabiens im Luschniki-Stadion zu Moskau.

Image aufpolieren

Seit Russland 2010 unter skandalösen Umständen in Doppelvergabe mit Katar 2022 die Weltmeisterschaft 2018 durch den Fußball-Weltverband Fifa zugesprochen wurde, versickerten Milliarden im russischen Schwarzgeldsumpf, Tausende Arbeiter wurden ausgebeutet, Menschenrechte werden in Russland weiter mit Füßen getreten.

Putin hofft: Wenn der Ball erst einmal rollt, sollte das vergessen sein. "Die Führung will das Image des Landes aufpolieren", sagte der russische Erfolgsautor Wladimir Kaminer dem Sport-Informations-Dienst. Weit über zehn Milliarden Euro hat diese Weltmeisterschaft gekostet, genaue Zahlen gibt es nicht. Ein großer Teil wurde für den Neubau oder die Renovierung der zwölf Stadien ausgegeben, denen wie den Arenen in Brasilien nach 2014 das Schicksal droht, auf Jahre leer zu stehen und zu verfallen.

"Auf Kosten der Bürger"

"Es sind ein paar Dutzend Leute, die die Hauptprofiteure des Regimes sind", sagte Putin-Kritiker Michail Chodorkowski, einst selbst ein einflussreicher Oligarch, in der ARD: "Es sind dieselben, die am meisten an der WM verdienen. Und ihr Verdienst geht auf Kosten der russischen Bürger."

Negative Schlagzeilen wird Putin mit aller Macht vermeiden wollen. Polizei, Militär und der Geheimdienst FSB sollen alle Gefahren von den Stadien fernhalten und das Bild eines friedliebenden Landes zeichnen, dass den Sport in sein Herz geschlossen hat. Und den kommerziellen Gewinn der Weltmeisterschaft für sich nutzen will. Obwohl vor allem die Fifa und einige Wenige in Russland das Geld untereinander aufteilen.

Während der Olympischen Spiele 2014 in Sotschi hatten der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach (links) und Russlands Präsident Wladimir Putin häufig miteinander zu tun. Foto: dpa
Während der Olympischen Spiele 2014 in Sotschi hatten der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach (links) und Russlands Präsident Wladimir Putin häufig miteinander zu tun. Foto: dpa

Thomas Bach befürchtet keine politische Vereinnahmung der Weltmeisterschaft durch Putin. "Bei diesem Turnier stehen die Mannschaften im Vordergrund. Die Menschen an den Fernsehschirmen schauen sich die Weltmeisterschaft nicht an wegen der Leute, die auf der Tribüne sitzen, sondern wegen denjenigen, die auf dem Feld Fußball spielen", sagte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Kevin Kuranyi funkte vor der Weltmeisterschaft auf derselben Wellenlänge. Wenn der Stuttgarter Ex-Profi über Russland spricht, gerät er regelrecht ins Schwärmen. "Viele Leute denken, dass es ein gefährliches und kaltes Land ist – und dass die Menschen sehr reserviert sind. Aber Russland ist ein tolles Land mit vielen netten und hilfsbereiten Menschen", sagte Kuranyi, der fünf Jahre in Moskau lebte und für Dynamo Moskau spielte.

Kevin Kuranyi spielte einige Jahre für Dynamo Moskau in der russischen Liga. Foto: dpa
Kevin Kuranyi spielte einige Jahre für Dynamo Moskau in der russischen Liga. Foto: dpa

Die Bedenken bleiben. Russland ist auch aktuell nicht mit westeuropäischen Maßstäben zu messen und sicher kein Land, in dem Demokratie, Presse- und Meinungsfreiheit herrschen. Die Annexion der Krim, der Konflikt in der Ostukraine oder Russlands Engagement in Syrien verdunkeln den Blick auf ein sportliches Großereignis.

Olympia 2014 in Sotschi sollte ein Befreiungsschlag werden für Putin und sein Land. Die olympische Flamme war kaum erloschen, da eskalierte die Krim-Krise. Wenn der große Sport das Land wieder verlässt, regiert der Alltag. Olympia ist wie der Fußball. Für Wladimir Putin ein Mittel zum Zweck. (GEA)

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen